Zitat aus Jakobusweg III erschienen im (c) Schwabenverlag AG ISBN 3-7966-0798-5

Der heilige Jakobus, die Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela und Oberschwaben

Was hat Jakobus der Ältere mit Oberschwaben zu tun? Auf den ersten Blick nicht sehr viel. Als Söhne des Zebedäus sind er und sein Bruder Johannes aus den Evangelien oder aus der Apostelgeschichte bekannt. Und Santiago de Compostela, dieser in jüngster Zeit häufiger genannte Ort im Nordwesten Spaniens, Ziel vieler Pilger- und Studienreisen? Der Ort trägt den Namen des Apostels Jakobus: Sant-lago. Aber wie kam die Stadt zu diesem Namen?

Wir wissen aus der Apostelgeschichte, dass die Apostel nach Pfingsten die christliche Botschaft in alle Welt gebracht haben sollen. In den biblischen Texten bleibt dieser Auftrag allgemein, so dass nur wenig über die tatsächlichen Wirkungsgebiete der Apostel bekannt ist. Am ehesten noch bei Petrus und Paulus, die bald schon Rom zugeordnet wurden. Wir begnügen uns heute zumeist damit, dass über die weiteren Missionsgebiete der apostolischen Zeit nichts im einzelnen überliefert ist. Aber schon einige Jahrhunderte später gab es Leute, die vorgaben, genaueres zu wissen. So entstanden etwa seit dem 6. Jahrhundert Schriften - zunächst im Bereich des oströmischen Reiches -, die fast die gesamte damals bekannte Welt in Missionsgebiete einteilten und diese dann verschiedenen Aposteln zuwiesen. Jakobus stand dort für die Missionierung Spaniens. Auf der Iberischen Halbinsel, die seit 711 zu grossen Teilen von den Muslimen erobert worden war, stiessen diese Schriften auf fruchtbaren Boden: In Asturien, dem kleinen, aber wichtigen christlichen nordspanischen Reich, griff man diese Notiz gerne auf. Der Apostel Jakobus, und kein Geringerer, habe die Iberische Halbinsel missioniert. Aber wie lange war er geblieben, war er gar bald ins Heilige Land zurückgekehrt?

Die christliche Kultur schien seit der muslimischen Eroberung grosser Teile der Iberischen Halbinsel bedroht. Konnte der Besitz eines Apostelgrabes Abhilfe schaffen? Vielleicht war es sogar wahrscheinlich, dass Jakobus nicht nur in Spanien missioniert hatte, sondern der Leichnam des Apostels auch in Nordspanien begraben lag, ganz ähnlich wie ja auch Petrus in Rom nicht nur gepredigt, sondern dort auch seine letzte Ruhestätte gefunden haben soll. Schon bald gab es im Norden Spaniens Leute, die glaubten, Jakobus sei in Spanien begraben. Göttliche Zeichen schienen dies zu belegen: Einem Eremiten Pelagius wurde zu Beginn des 9. Jahrhunderts in einer Vision ein Hinweis auf die apostolische Ruhestätte gegeben, und so fand man im heutigen Santiago de Compostela ein Grab, das man als Grab des »Spanienmissionars«, des heiligen Jakobus, ansah. Diese Annahme war nicht ganz unproblematisch, denn enthauptet wurde Jakobus ja, so berichten wiederum biblische Texte, im Jahre 44 nach Christus in Palästina. Neben der Legende von Missionierung und Grabentdeckung fehlte also noch ein Bericht, wie denn die Gebeine des Apostels nach Santiago gekommen seien. In der sogenannten »Translatio« wurde bald von der Überführung des Jakobusleichnams erzählt: Auf wunderbare Weise seien die Gebeine nach der Enthauptung des Apostels in Jerusalem auf einem Schiff nach Galicien, in den Nordwesten Spaniens, gekommen und dort von einigen Getreuen beigesetzt worden. Das Grab hätten die wieder heidnisch gewordenen Spanier aber vergessen, und erst der schon genannte Pelagius habe es am Ort Compostela wiederentdeckt.

Dies sind die Grundzüge der Traditionen über den heiligen Jakobus, die sich im 8./9. Jahrhundert ausformten und seit dem 11. Jahrhundert allgemein verbreitet waren. Fast alle Sammlungen der Heiligenleben zeichneten sie auf, schmückten sie aus und erweiterten sie. Sie wurden vielfach in Bilderzyklen dargestellt. So zum Beispiel in Winnenden auf einem wunderbaren Altarbild, auf dem sich die skizzierte Legende gut verfolgen lässt. Auf dem dortigen Jakobusaltar werden die Missionstätigkeit in Spanien, die Enthauptung im Heiligen Land und die Translation nach Galicien thematisiert. Die spätere Grabentdeckung durch Pelagius oder (wie es in anderen Berichten zuweilen heisst) durch Karl den Grossen (so z. B. auf dem Karlsschrein in Aachen) muss man ergänzen.

Dies ist eine schöne Geschichte, werden die meisten sagen, aber was hat sie mit Oberschwaben zu tun? Sie hat im Grunde mit ganz Europa zu tun. Denn schon bald gelangte die Kunde von einem Apostelgrab im Nordwesten Spaniens in alle Welt, nach Frankreich, dann nach Italien und nach Deutschland. Der Bodenseeraum könnte das »Einfallstor« gewesen sein, durch das die Nachrichten in den süddeutschen Raum gelangten. Schon um 930 war im Kloster Reichenau bekannt, dass im Nordwesten Spaniens ein verehrungswürdiges Apostelgrab liege, wo man als Pilger für seine Sünden büssen, Heilung an Leib und Seele erlangen könne.

Die Verehrung von Heiligengräbern und Reliquien gehört zu den wichtigen und typischen Ausdrucksformen mittelalterlicher Frömmigkeit; noch heute legen viele Orte des hier vorgestellten oberschwäbischen Raumes hiervon Zeugnis ab, nicht nur der Heiligblutritt in Weingarten. Santiago de Compostela wurde aber seit dem 11. Jahrhundert zu einem durch und durch europäischen Pilgerziel: Pilger aus ganz Europa machten sich auf den Weg. Man pilgerte zumeist in kleinen Gruppen, trotzdem blieb die sichere Rückkehr mehr als ungewiss. Viele Pilger verfassten deshalb ihr Testament und liessen vor dem Aufbruch Pilgerstab und Pilgertasche segnen: Die Darstellung des heiligen Jakobus in der Mauritiusrotunde von Konstanz deutet dieses Aufbruchsritual bildlich an. Dort hält der Heilige mehrere Pilgerstäbe und Pilgertaschen, die er wohl nach dem Segen einzelnen Pilgern zugedacht hatte. (Abb. 1). Die Segensformeln, die bei der Segnung dieser Ausstattungsstücke gesprochen wurden, sind seit dem 10. Jahrhundert belegt, Konstanz dürfte durchaus ein Ort gewesen sein, von dem aus Jakobspilger häufiger aufbrachen.

Es gingen sicher auch Pilger aus Oberschwaben auf den weiten Weg ins entfernte Santiago, gut 2000 km bis an das äusserste westliche Ende der damals bekannten Welt. Die Belege über einzelne dieser Pilger setzen allerdings grösstenteils erst im späten Mittelalter, verstärkt seit dem 15. Jahrhundert ein. Dass auch schon vorher aus ganz Europa zahlreiche Pilger aufbrachen, deuten indirekt die verschiedenen Geschichten an, die bald über den Apostel in Umlauf kamen. Gerade die Mirakelerzählungen, wie zum Beispiel über die wunderbare Errettung eines gehenkten deutschen Pilgers in Santo Domingo de la Calzada, wurden vielfach erzählt, aufgezeichnet, gemalt, ja auch dramatisiert. Als »Hühnerwunder« ist diese besonders bekannte Geschichte in die Pilgerliteratur eingegangen.

Die Erzählungen von der Hilfe des grossen Jakobus dürften neben vielen anderen Faktoren die Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela zu einer europäischen Sache gemacht haben. Wie kamen aber die Pilger aus ganz Europa nach Santiago? Ob zu Fuss oder zu Pferde (wie die unten erwähnten Adeligen aus der »Zimmerschen Chronik«), sie folgten in der Regel den ohnehin vorhandenen Strassen, variierten auch je nach Bedürfnissen oder Aufträgen ihre Routen. Deshalb ist es problematisch oder gar falsch, von eigenen »Pilgerwegen« zu sprechen. Am ehesten sind gewisse, von Pilgern besonders häufig benutzte Routen noch in Nordspanien, teilweise auch in Frankreich zu erkennen. In Deutschland ist dies schwieriger.

Will man nun - wie auch schon in Spanien, Frankreich und der Schweiz - die Idee der alten Fusspilgerfahrt wieder neu beleben, so darf man nicht bei einem Konzept so genannter »historischer Pilgerwege« verharren, sondern muss die zuweilen mögliche Ermittlung historischer, variierender Wegstrecken mit weiteren Punkten verbinden, die den Jakobuskult allgemein dokumentieren. Deshalb orientiert sich der im Projekt des Seminares Meckenbeuren unter Leitung von Frau Fleischer nun durch Muschelzeichen markierte Weg im wesentlichen an zwei Grundbefunden der neueren Jakobusforschung: Von den Pilgern des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, die einen Bericht über ihren Weg hinterlassen haben, dürften einige - vor allem aus Nürnberg kommende Reisende - auf ihrem Weg nach Compostela auch verschiedene Orte der ausgewiesenen Strecke gelaufen sein. Diesem Itinerar hinzugefügt sind verschiedene Spuren des Jakobuskultes, die sich in einer historischen Landschaft wie Oberschwaben entdecken lassen. Die Abstecher vom Weg - wie z. B. nach Bergatreute - deuten an, dass auch die Kirchenpatrone, Bilder und anderes die europäische Dimension des Jakobuskultes erschließen helfen, ohne dass jedes Patrozinium oder dergleichen notwendigerweise unmittelbar auf Spanien oder den Weg zum Apostelgrab verweisen muss.

 Die von Frau Fleischer durchgeführte Initiative greift Anliegen auf, die in anderen Ländern schon früher - teilweise auch mit staatlicher Unterstützung - gefördert wurden und in Deutschland bisher noch die Ausnahme sind. Wir hoffen, dass dieser Führer weitere Interessen weckt, nicht nur, um die hier beschriebenen Etappen zu gehen, sondern vielleicht auch, um den Weg weiter fortzusetzen, durch die Schweiz und Frankreich bis nach Compostela. Vielleicht machen die Notizen auch neugierig, mehr über den Apostel, über die weiteren schriftlichen Spuren des Kultes und das Pilgern zu erfahren. Europa beginnt vor der Haustüre: Wenn das häufig ohne weiteres Nachdenken verwendete Etikett »Eu­ropäische Pilgerfahrt« für die Pilgerfahrten nach Compostela wirklich zutrifft, dann muss sich dies in jeder Landschaft konkret erweisen!

 

Klaus Herbers

Zitat Ende aus Jakobusweg III erschienen im (c) Schwabenverlag AG ISBN 3-7966-0798-5